Bruder und Schwester im Kampf – Erinnerungen an die Bundespolizistin Ramona Findling

Einleitung

Am 3. April 2020 ereignete sich eine Tragödie in Vogtareuth: Die Bundespolizistin Ramona Findling erschoss ihre beiden Kinder, Annabell (10) und Vivien (12), und anschließend sich selbst. Im Vorfeld der Tat wurden berufliche und private Belastungen bekannt. Zwei Tage zuvor soll ihr damaliger Partner die Beziehung beendet haben. In der Nacht der Tat schrieb sie ihrer Mutter: „Ich kann nicht mehr.“ 

 

Heute sprechen wir mit einem Menschen, der Ramona über Jahre hinweg begleitet hat. Er beschreibt ihre Verbindung als eine besondere Form von Nähe: „wie Bruder und Schwester im Kampf“

 

Interview

 

Frage:

Wie kam es dazu, dass Ramona Kontakt zu dir aufgenommen hat?

Antwort:

Das ist viele Jahre vor 2020 gewesen. Ramona stand damals unter starkem Druck – beruflich, privat und auch im sportlichen Bereich. Sie wusste einfach nicht mehr weiter.

Was mich sofort bewegt hat, war nicht nur ihre Situation, sondern die Art, wie sie daran zerbrach. Es ging nicht um einzelne Probleme, sondern um ein Gesamtbild aus Druck, Erwartungen und Angriffen von außen.

 

Frage:

Du beschreibst eure Beziehung als „Bruder und Schwester im Kampf“. Was bedeutet das?

Antwort:

Das ist eine Verbindung, die entsteht, wenn Menschen gemeinsam durch extreme Situationen gehen. Es geht nicht um klassische Freundschaft oder Liebe im üblichen Sinne.

Es geht darum, füreinander da zu sein – ohne Bedingungen.

Ramona und ich haben genau das aufgebaut. Wir wussten: Wenn es ernst wird, ist der andere da.

 

Frage:

Gab es Momente, in denen diese Verbindung besonders deutlich wurde?

Antwort:

Einmal ging es ihr sehr schlecht, auch wegen der Kinder und großer Verlustängste. In so einem Moment habe ich zu ihr gesagt:

„Wenn alle Stricke reißen, dann heirate ich dich eben – die Kinder gehören dazu.“

Das war kein romantischer Satz.

Das war ein Ausdruck davon, dass man bereit ist, alles zu geben, wenn es um das Leben eines anderen Menschen geht.

Sie schaute mich an und sagte nur:

 „Du bist verrückt.“

Das war so ein typischer Moment zwischen uns.

 

Frage:

War da Liebe im Spiel?

Antwort:

Ja – aber nicht im klassischen Sinne.

Es war die Art von Liebe, die zwischen Menschen entsteht, die gemeinsam kämpfen.

Nicht mehr und nicht weniger.

 

Frage:

Wie war euer Alltag miteinander?

Antwort:

Sehr menschlich.

Wir konnten über alles reden – von ganz einfachen Dingen bis zu sehr tiefen Themen.

Manchmal ging es um völlig Banales, manchmal um existenzielle Fragen.

Und ja – wir konnten uns in den Arm nehmen, ohne dass daraus etwas anderes entstehen musste.

Ich glaube, genau das beschreibt es am besten.

 

Frage:

Wie hast du von der Tat erfahren?

Antwort:

Sehr direkt.

Als ich hörte, dass sie tot ist, war das schon schwer. Aber als ich erfuhr, dass sie ihre Kinder mitgenommen hat, war klar: Das ist etwas, das man nicht sofort begreifen kann.

In solchen Momenten funktioniert man erstmal.

Erst später kommt das Verstehen – wenn überhaupt.

 

Frage:

Du hältst das Gedenken an Ramona aufrecht. Erntest du dafür Kritik?

Antwort:

Ja, natürlich.

Und die ist auch verständlich.

Was Ramona getan hat, ist nicht zu rechtfertigen. Das sage ich ganz klar.

Und trotzdem bleibt sie für mich ein Mensch, den ich kannte.

Viele Menschen urteilen sehr schnell über solche Taten. Aber jeder Mensch kann in Situationen geraten, die er sich vorher nie vorstellen konnte.

Deshalb halte ich es für wichtig, darüber zu sprechen – nicht um zu entschuldigen, sondern um zu verstehen.

 

Frage:

Was ist dir dabei besonders wichtig?

Antwort:

Dass wir als Gesellschaft nicht nur verurteilen, sondern auch hinschauen.

Ausgrenzung hilft niemandem.

Dialog schon eher.

 

Frage:

Was bleibt von Ramona für dich?

Antwort:

Die Erinnerung.

An die guten und die schweren Momente.

Und das Wissen, dass wir füreinander da waren.

 Bruder und Schwester im Kampf.

Abschluss

Das Gespräch zeigt eine Perspektive, die selten öffentlich wird:

nicht die Tat im Vordergrund, sondern der Mensch dahinter – mit all seinen Widersprüchen, Stärken und Brüchen.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert