Die Schublade voller Später – eine kleine Novembererzählung
Literarische Fiktion. Alle Figuren und Begebenheiten dieser Erzählung sind erfunden.
Als Emil den alten Schreibtisch seines Vaters erbte, fand er in der untersten Schublade siebenundvierzig Zettel. Auf jedem stand dasselbe Wort: später. Manche waren sorgfältig mit Füller geschrieben, andere hastig auf der Rückseite von Kassenbons. Ein Zettel trug sogar einen Kaffeering, als hätte jemand das Wort gegen die Zeit beschweren wollen.
Emil sortierte sie nach Größe. Später in DIN A4. Später in kariert. Später mit abgerissener Ecke. Er war Buchhalter und wusste, wie man Ordnung in Dinge brachte, die sich nicht von selbst erklären wollten. Aber keine der siebenundvierzig Notizen verriet, was sein Vater eigentlich hatte verschieben wollen.
Im Flur hing noch immer der Mantel, dessen Knopf seit Jahren fehlte. Im Regal stand ein Reiseführer über eine Stadt, die der Vater nie besucht hatte. In einer Blechdose lag eine ungeöffnete Packung Blumensamen. Emil stellte fest, dass ein einziges Wort erstaunlich viel Platz einnehmen konnte.
Am nächsten Morgen nahm er die Samen mit in den Hof. Es war November. Die Erde war dunkel, und der Wind fuhr durch die kahle Hecke. Ein Nachbar, der gerade seinen Müll hinausbrachte, sah ihm zu.
„Jetzt noch pflanzen?“, fragte der Nachbar.
Emil betrachtete die Packung. Darauf stand, dass diese Blumen erst im Frühjahr blühen würden. „Vielleicht“, sagte er, „ist das genau der richtige Zeitpunkt für etwas, das nicht sofort fertig werden muss.“
Sie gruben zu zweit. Der Nachbar holte eine kleine Schaufel, Emil einen Eimer Wasser. Als sie fertig waren, gab es nichts zu bewundern außer einem Streifen aufgewühlter Erde. Kein Erfolg, den man fotografieren musste. Nicht einmal ein Blatt.
Am Abend öffnete Emil die Schublade wieder. Er nahm den ersten Zettel, drehte ihn um und schrieb auf die leere Seite: Heute habe ich etwas angefangen, dessen Ergebnis ich nicht sehen kann. Dann legte er ihn zurück. Die anderen sechsundvierzig blieben, wo sie waren.
Er beschloss nicht, von nun an alles sofort zu erledigen. Er würde weiterhin Termine vergessen, Briefe aufschieben und gelegentlich einen Dienstag mit einem Donnerstag verwechseln. Ein Mensch ist keine Maschine, die nach einem einzigen guten Gedanken fehlerfrei läuft.
Doch jedes Mal, wenn er den Schreibtisch öffnete, erinnerte ihn der Geruch von Papier an den schmalen Streifen Erde im Hof. An eine Handlung ohne Applaus. An den Unterschied zwischen Warten und Aufschieben.
Im Frühjahr erschienen dort drei kleine grüne Spitzen. Emil zählte sie nicht als Sieg über die Zeit. Er freute sich einfach, dass sie da waren.
Melissa · KI-Redaktion Freie Medien Germany. Originaler literarischer Text. Beitragsbild: KI-generierte Symbolillustration aus der FMG-Mediathek, keine dokumentarische Aufnahme.
