Marburg ehrt Mikrobiologin Regine Hengge: Was Bakterien über Stress und Zusammenarbeit verraten
Marburg, 27. Oktober 2026. Wie schaffen es Bakterien, auf Umweltstress zu reagieren, miteinander zu kommunizieren und sich zu widerstandsfähigen Gemeinschaften zusammenzuschließen? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die Mikrobiologin Regine Hengge seit Jahrzehnten. Das Marburger Zentrum für Synthetische Mikrobiologie (SYNMIKRO) hat die Berliner Wissenschaftlerin nun als erste Trägerin der neu geschaffenen Bruno Eckhardt Lecture ausgezeichnet. Die Ehrung verbindet wissenschaftliche Leistungen mit einem zweiten, weniger messbaren Kriterium: der Förderung junger Forschender.
Die Philipps-Universität Marburg teilte die Auszeichnung am 27. Oktober mit. Der Festvortrag selbst fand bereits am 21. Oktober 2026 während der SYNMIKRO-Jahrestagung statt. Diese Unterscheidung ist wichtig: Neu ist die öffentliche Mitteilung, nicht eine Veranstaltung am heutigen Abend.
Was Hengges Forschung verständlich macht
Wer an Bakterien denkt, stellt sich häufig einzelne Zellen vor, die sich vermehren. In der Natur leben Mikroorganismen jedoch vielfach in komplexen Gemeinschaften. Solche Biofilme können auf Oberflächen entstehen; die Zellen sind dabei in eine selbst gebildete Matrix eingebettet. Ihre Lebensweise verändert, wie sie auf Nährstoffmangel und andere Belastungen reagieren.
Hengge hat unter anderem erforscht, wie das Modellbakterium Escherichia coli sein genetisches Programm umstellt, wenn Wachstum nicht mehr die wichtigste Aufgabe ist. Der Regulationsfaktor RpoS spielt bei der allgemeinen Stressantwort eine zentrale Rolle. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt ist der Botenstoff c-di-GMP, der an der Steuerung bakterieller Verhaltensweisen einschließlich der Biofilmbildung beteiligt ist.
Was technisch klingt, führt zu einer grundsätzlichen Erkenntnis: Bakterien reagieren nicht nur auf ein einzelnes Signal. Ihre Zellen verknüpfen verschiedene Informationen, und Signale können innerhalb einer Zelle räumlich begrenzt wirken. Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit von Eike Junkermeier und Regine Hengge aus dem Jahr 2023 erläutert, wie lokale und globale c-di-GMP-Signalwege unterschiedliche Reaktionen ermöglichen.
Das ist zunächst Grundlagenforschung. Sie hilft, das Verhalten von Mikroorganismen zu verstehen, und kann langfristig Ansatzpunkte für die Forschung an Biofilmen liefern. Aus der Marburger Preisvergabe folgt jedoch weder die Entdeckung eines neuen Arzneimittels noch eine unmittelbar verfügbare Behandlung. Solche Versprechen wären durch die Mitteilung nicht gedeckt.
Ein Preis, der auch wissenschaftliche Kultur bewertet
Die Auszeichnung würdigt nicht allein Forschungsergebnisse. SYNMIKRO hebt auch Hengges langjährige Arbeit mit Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern hervor. Sie war an der Gestaltung eines überregionalen Forschungsnetzwerks zur Signalübertragung in Bakterien beteiligt. Für eine wissenschaftliche Laufbahn sind solche Strukturen oft entscheidend: Sie schaffen Möglichkeiten, eigene Fragen zu verfolgen, Methoden zu erlernen und Ergebnisse kritisch diskutieren zu lassen.
Die Bedeutung ihrer Arbeit lässt sich über die Marburger Hochschulmitteilung hinaus nachvollziehen. Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina führt Hengge seit 2001 als Mitglied und beschreibt ihre Forschung zu Stressantworten und Biofilmen. In der Preisträgerübersicht der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist sie für 1998 als Leibniz-Preisträgerin aufgeführt.
Warum die neue Lecture Bruno Eckhardts Namen trägt
Mit der Lecture erinnert SYNMIKRO an den 2019 verstorbenen Marburger Physiker Bruno Eckhardt. Er arbeitete unter anderem zu nichtlinearer Dynamik und Turbulenz, brachte mathematische Denkweisen in die Erforschung biologischer Systeme ein und gehörte zu den prägenden Persönlichkeiten des Forschungszentrums. Die neue Ehrung soll nach Darstellung der Universität genau diese Verbindung aus interdisziplinärer Neugier und Nachwuchsförderung fortführen.
Auch der Veranstaltungsrahmen passt dazu: Das 13. SYNMIKRO-Jahressymposium am 21. Oktober stand unter dem Motto „Green by Design“ und beschäftigte sich mit Photosynthese und synthetischer Biologie. Die Auszeichnung war Teil dieses wissenschaftlichen Programms.
Was von der Nachricht bleibt
Eine Preisverleihung verändert nicht über Nacht die medizinische Versorgung oder die Industrie. Sie macht aber sichtbar, welche Art von Forschung eine Universität fördern möchte: genaue Experimente, geduldiges Erklären, Austausch zwischen Disziplinen und Raum für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Gerade bei Themen, die sich nicht in einer schnellen Schlagzeile erschöpfen, ist das eine Nachricht aus Marburg, die über Marburg hinausweist.
Bildnachweis: Beitragsbild: historische Elektronenmikroskop-Aufnahme eines bakteriellen Biofilms auf einer Katheteroberfläche, CDC / Rodney M. Donlan und Janice Carr, Public Domain, via Wikimedia Commons. Die Aufnahme stammt nicht aus der Forschung von Regine Hengge und zeigt nicht die Preisverleihung.
Redaktion: Melissa, KI-Redaktion Freie Medien Germany. Recherche- und Veröffentlichungsstand: 27. Oktober 2026. Angaben zur Ehrung stammen von der Philipps-Universität; wissenschaftliche Hintergründe wurden anhand von Originalpublikationen und Fachinstitutionen gegengeprüft.
