WHO zieht Bilanz zur traditionellen Medizin: Heilpflanzen schützen, Wirkung wissenschaftlich prüfen
Genf/Peking, 31. Oktober 2026. Wie können traditionelle Heilverfahren wissenschaftlich überprüft werden, ohne wertvolles Wissen und die biologische Vielfalt von Heilpflanzen zu gefährden? Nach der Weltkonferenz für traditionelle Medizin in Peking hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 30. Oktober mehrere Ergebnisse vorgestellt. Dazu gehören eine Initiative zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung von Heilpflanzen, ein neues internationales Kooperationsnetzwerk und ein Bericht über künstliche Intelligenz in der traditionellen Medizin.
Die Konferenz fand bereits am 17. und 18. Oktober 2026 in Peking statt. Die jetzige WHO-Mitteilung ist also eine nachträgliche Bilanz, keine Ankündigung eines erst noch bevorstehenden Gipfels. Nach den Angaben der Organisation nahmen knapp 2.000 Personen aus 103 Ländern und Gebieten teil, darunter Vertreterinnen und Vertreter aus Ministerien, Forschung und Gesundheitsverwaltung.
Heilpflanzen schützen – aber wer profitiert von ihrer Nutzung?
Zu den genannten Ergebnissen zählt die Beijing Initiative on the Conservation and Sustainable Use of Traditional Medicinal Plant Resources. Sie soll den Erhalt pflanzlicher Ressourcen und ihre nachhaltige Nutzung fördern. Zugleich wurde das sogenannte New-Era Shennong Herbal Project vorangebracht. Solche Vorhaben betreffen nicht nur die medizinische Forschung, sondern auch Landwirtschaft, Biodiversität, Eigentumsrechte und den Umgang mit lokalem und überliefertem Wissen.
Ein Heilpflanzenbestand kann durch Raubbau bedroht sein, auch wenn die Pflanze wirtschaftlich attraktiv wird. Umgekehrt lässt sich aus langer traditioneller Verwendung allein noch nicht ableiten, dass ein bestimmtes Präparat gegen eine bestimmte Krankheit wirksam und sicher ist. Für ein medizinisches Produkt kommt es unter anderem auf Pflanzenart, Wirkstoffgehalt, Verunreinigungen, Dosierung und mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten an.
Neue Allianz und künstliche Intelligenz: Kooperation ist noch kein Wirksamkeitsnachweis
Die WHO berichtet außerdem über die Gründung der Global Alliance for Traditional and Integrative Medicine (GATIM), die die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit stärken soll. Ein weiterer veröffentlichter Konferenzbericht befasst sich mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz für Forschung und Entwicklung traditioneller Medizin. Deren tatsächlicher Nutzen muss allerdings an nachvollziehbaren wissenschaftlichen Ergebnissen gemessen werden.
KI kann große Mengen von Fachliteratur, chemischen Daten oder Informationen zu Pflanzenstoffen strukturieren und Hypothesen für Laboruntersuchungen liefern. Sie kann aber nicht durch eine statistische Ähnlichkeit oder plausibel klingende Antwort belegen, dass eine Behandlung bei Menschen wirkt. Dafür sind geeignete experimentelle Studien, klinische Prüfungen und eine unabhängige Bewertung von Risiken notwendig.
Was die WHO tatsächlich unterstützt
Die WHO ordnet die Konferenzergebnisse in ihre Globale Strategie für traditionelle Medizin 2025 bis 2034 ein. Deren vier zentrale Arbeitsfelder umfassen die Stärkung wissenschaftlicher Evidenz, Sicherheit durch geeignete Regulierung, eine verantwortliche Einbindung traditioneller und komplementärer Verfahren in Gesundheitssysteme sowie ihre Einordnung in breitere gesellschaftliche und politische Zusammenhänge.
WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus betonte bei der Konferenz nach Darstellung der Organisation, es gehe nicht um eine Wahl zwischen Tradition und Wissenschaft, sondern darum, Forschung, Innovation, Regulierung und Qualitätssicherung zusammenzuführen. Das ist keine pauschale Empfehlung, beliebige traditionelle Heilmittel anstelle evidenzbasierter Diagnostik und Therapie einzusetzen.
Die wichtigste Grenze: medizinische Versprechen müssen geprüft werden
Gerade bei schweren oder zeitkritischen Erkrankungen kann es gefährlich werden, wenn unzureichend untersuchte Mittel bewährte Behandlungen ersetzen. Der Begriff „natürlich“ garantiert weder Verträglichkeit noch Wirkung. Auch pflanzliche Substanzen können Nebenwirkungen auslösen oder die Wirkung von verschriebenen Arzneimitteln beeinflussen. Der wissenschaftliche Prüfmaßstab muss daher für jedes konkrete Präparat gelten – unabhängig davon, ob sein Ursprung traditionell, pflanzlich oder synthetisch ist.
Ebenso bleibt offen, wie die neuen Initiativen finanziert werden, welche Staaten konkrete Verpflichtungen übernehmen und wie etwaige Fortschritte transparent gemessen werden. Eine Konferenzerklärung und die Gründung eines Netzwerks bedeuten noch keine Zulassung neuer Medikamente, keine bestätigten Heilungserfolge und auch keine weltweite Änderung der medizinischen Behandlungsregeln.
Die Beschlüsse aus Peking können sinnvoll sein, wenn sie Schutz von Naturressourcen und kulturellem Wissen mit strengen Anforderungen an Wirksamkeit, Sicherheit und Rechte betroffener Gemeinschaften verbinden. Ihr Erfolg muss sich aber erst in überprüfbaren Forschungs- und Versorgungsresultaten zeigen.
Quellen: WHO: Bilanz der World Conference on Traditional Medicine 2026, veröffentlicht am 30.10.2026; WHO Global Traditional Medicine Centre: Strategie und Arbeitsschwerpunkte. Eigene redaktionelle Einordnung, insbesondere die Trennung von Forschungskooperation und medizinischem Wirksamkeitsnachweis.
Redaktion: Melissa / KI-Redaktion Freie Medien Germany. Beitragsbild: bereits vorhandenes allgemeines KI-generiertes FMG-Symbolbild zu Gesundheit und Pflege (Medien-ID 1583), keine Aufnahme der WHO-Konferenz, einer Therapie oder einer Heilpflanze. Bild: KI / FMG.
