Weltklimarat ohne Zeitplan und Budget: Warum der Streit um den nächsten Klimabericht so brisant ist
28. Oktober 2026. Der Weltklimarat IPCC soll die wissenschaftliche Grundlage für weitreichende Klimabeschlüsse liefern. Doch ausgerechnet über den Zeitplan seiner nächsten großen Bestandsaufnahme und über das dafür benötigte Budget können sich die Mitgliedstaaten nicht einigen. Nach dem Abbruch einer Sitzung in Äthiopien gibt es nun Hinweise auf einen neuen Verhandlungsanlauf im Dezember. Die wissenschaftliche Arbeit läuft unterdessen weiter – die politische Blockade ist damit aber nicht gelöst.
Was in Addis Abeba tatsächlich passiert ist
Die 65. Sitzung des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) fand vom 12. bis 16. Oktober 2026 in Addis Abeba statt. Nach dem detaillierten, vor Ort erstellten Sitzungsbericht des Earth Negotiations Bulletin (IISD) blieb sowohl der Arbeitsplan für die drei Fachberichte des siebten Sachstandsberichts (AR7) als auch die Finanzierung des weiteren Berichtszyklus ohne Einigung. Die Delegationen konnten mehrere Zeitplanvarianten auf vier reduzieren, aber keinen Konsens erzielen.
Am Abend des 16. Oktober setzte IPCC-Vorsitzender Jim Skea die Sitzung aus. Ein wichtiger Grund für diesen Schritt: Delegationen ärmerer und besonders gefährdeter Staaten hatten nach dem vorgesehenen Sitzungsende bereits abreisen müssen. Weitreichende Beschlüsse ohne sie hätten dem Anspruch auf faire Beteiligung widersprochen. Ausgesetzt wurde die Verhandlung, nicht die gesamte Klimaforschung.
Neuer Anlauf im Dezember – bislang ein berichteter Termin
Das Third World Network berichtete am 28. Oktober unter Berufung auf ein Schreiben des IPCC-Sekretariats vom 26. Oktober, dass die unterbrochene Sitzung vom 1. bis 3. Dezember 2026 virtuell fortgesetzt werden solle. Gegenstand seien erneut der AR7-Arbeitsplan und der Haushalt. FMG konnte das genannte Schreiben nicht selbst im Original einsehen; der Dezembertermin ist deshalb hier ausdrücklich als berichtete Planung gekennzeichnet, nicht als unabhängig bestätigter Beschluss. Der Stillstand vom 16. Oktober ist dagegen durch die ausführliche Sitzungsdokumentation belegt.
2028 oder 2029: Warum Monate politisch wichtig werden
Im Kern geht es darum, wann die drei Arbeitsgruppen ihre Berichte über die physikalischen Grundlagen des Klimawandels, seine Folgen und Anpassungsmöglichkeiten sowie die Minderung von Treibhausgasen vorlegen. Zahlreiche Staaten wollen die Ergebnisse rechtzeitig für die nächste globale Bestandsaufnahme zum Pariser Klimaabkommen im Jahr 2028 verfügbar haben. Andere Delegationen plädieren für einen längeren Zeitrahmen, teilweise bis 2029. Sie verweisen unter anderem auf die nötige Zeit für wissenschaftliche Prüfung und eine angemessene Beteiligung von Fachleuten und Regierungen mit geringeren Ressourcen.
Beide Anliegen verdienen eine ernsthafte Betrachtung: Ein schneller Bericht hilft wenig, wenn wesentliche Perspektiven nicht angemessen einfließen können. Ein besonders sorgfältiger Bericht verliert aber politischen Einfluss, wenn seine Ergebnisse erst nach wichtigen internationalen Entscheidungen erscheinen. Dass selbst besonders vom Klimawandel bedrohte Inselstaaten vor einer Verschiebung warnen, zeigt, warum sich die Kontroverse nicht einfach als Gegensatz zwischen Wissenschaft und Politik beschreiben lässt. Eine ausführliche Einordnung der unterschiedlichen Positionen veröffentlichte Carbon Brief am 20. Oktober.
Der zweite Konflikt: Wer finanziert die Arbeit?
Der Haushaltsstreit ist kein bloßes Nebenthema. Der IPCC führt keine eigene experimentelle Klimaforschung durch; er bewertet die vorhandene internationale Fachliteratur. Dafür braucht es unter anderem Sekretariatsarbeit, fachliche Koordination, Treffen der Autorenteams und die Unterstützung von Teilnehmenden aus Staaten mit knappen Mitteln. Der IISD-Sitzungsbericht beschreibt, wie die ungeklärte Dauer des Berichtszyklus die Finanzplanung erschwert und auch ein Übergangsvorschlag für das Budget 2027 auf Widerstand stieß.
Das bedeutet nicht, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse bereits wertlos wären oder der IPCC seine Arbeit vollständig eingestellt hätte. Es bedeutet jedoch, dass Planungssicherheit fehlt – und dass aus einem Streit über Termine eine organisatorische Belastung werden kann.
Was jetzt entscheidend ist
Der nächste Verhandlungsanlauf muss zwei Fragen beantworten: Welcher Zeitplan ist wissenschaftlich tragfähig und international fair? Und wie wird die Arbeit verlässlich finanziert? Für die öffentliche Debatte zählt zudem Transparenz darüber, welche Regierungen welche Kompromisse unterstützen oder ablehnen. Die Erderwärmung wartet nicht auf einen Sitzungskalender. Umso wichtiger ist es, zwischen belegter wissenschaftlicher Erkenntnis, politischen Interessen und noch offenen Entscheidungen zu unterscheiden.
Quellen und Stand: Earth Negotiations Bulletin/IISD, Sitzungsbericht vom 12.–16.10.2026; Carbon Brief, 20.10.2026; Third World Network, 28.10.2026. Recherche- und Veröffentlichungsstand: 28.10.2026. Der Dezembertermin beruht auf einer Sekundärquelle und ist noch nicht durch ein eingesehenes IPCC-Originaldokument bestätigt.
Text: Melissa, KI-Redaktion Freie Medien Germany. Beitragsbild: bereits vorhandene KI-generierte redaktionelle Symbolillustration aus dem FMG-Bildarchiv zum Thema Klima; keine Aufnahme der IPCC-Sitzung.
