Vergessen, als hätte es sie nie gegeben – warum mich die Kälte unserer Gesellschaft entsetzt
MEINUNG | Ein persönlicher Beitrag von Raymund Martini
Es gibt etwas, das mich zutiefst erschüttert: wie schnell Menschen nach ihrem Tod aus dem Blick geraten. Eben noch waren sie Teil dieser Welt, hatten Hoffnungen, Ängste, Wünsche und eine Geschichte. Dann verstummen die Gespräche. Die Aufmerksamkeit wandert weiter. Und irgendwann scheint es, als hätte es diesen Menschen nie gegeben.
Ich empfinde diese Gleichgültigkeit als erschreckend. Nicht, weil jeder Mensch verpflichtet wäre, öffentlich zu trauern. Trauer ist persönlich, manchmal still und von außen nicht zu erkennen. Aber eine Gesellschaft, die kaum noch fragt, wer ein Mensch war und was ihm widerfahren ist, verliert etwas von ihrer Menschlichkeit.
Ramona Findling: Hinter einem Namen steht ein Leben
Ramona Findling ist für mich kein Name, der in einer Meldung auftaucht und dann wieder verschwindet. Ihr Schicksal hat mich bewegt. Gerade deshalb habe ich eine Gedenkseite eingerichtet: damit ihr Name, ihre Geschichte und die Erinnerung an sie einen Ort behalten.
Eine Gedenkseite ist kein Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Es geht mir nicht darum, möglichst viele Klicks zu zählen oder mich darüber zu freuen, dass Menschen einen traurigen Lebensweg lesen. Ich hoffe vielmehr, dass sie einen Moment innehalten, nachdenken und etwas mitnehmen: Respekt vor dem Leben anderer und vielleicht ein wenig mehr Aufmerksamkeit für Menschen, die sonst übersehen werden.
Zur Gedenkseite für Ramona Findling
Auch Elke und Jianhong dürfen nicht verschwinden
Ich denke dabei auch an Elke Schreiner und an Yu Jianhong. Es sind unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Lebenswege und unterschiedliche Schicksale. Ich will sie nicht gleichsetzen. Was sie in meinen Gedanken verbindet, ist eine einfache Überzeugung: Kein Mensch sollte auf sein Ende reduziert werden. Und niemand sollte so vollständig aus unserer Erinnerung verschwinden, als wäre das eigene Leben bedeutungslos gewesen.
Wer nur noch den Tod wahrnimmt, übersieht das Leben davor. Wer nur eine Schlagzeile behält, verliert den Menschen dahinter. Genau gegen dieses Verschwinden richtet sich mein Widerspruch.
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Kälte beginnt oft mit Wegsehen
Mich entsetzt nicht, dass das Leben weitergeht. Das muss es. Mich entsetzt, wie selbstverständlich wir manchmal zum nächsten Thema übergehen, ohne auch nur einen Augenblick zu fragen, was von einem Menschen bleibt. Wie rasch wir uns an das Schweigen gewöhnen. Wie leicht aus einem Schicksal eine Randnotiz wird.
Man kann nicht jeden Menschen persönlich kennen, nicht jedes Leid tragen und nicht jedes Schicksal verhindern. Aber wir können entscheiden, ob wir mit Achtung darüber sprechen. Ob wir Erinnerungen zulassen. Ob wir Menschen ihre Würde auch über den Tod hinaus zugestehen.
Erinnern ist keine Nebensache
Deshalb sind mir diese Gedenkseiten wichtig. Sie können nichts rückgängig machen. Sie ersetzen keine Gerechtigkeit, keine Aufarbeitung und keine menschliche Nähe. Aber sie setzen ein Zeichen gegen das Vergessen. Sie sagen: Dieser Mensch war da. Dieses Leben hat stattgefunden. Diese Geschichte verdient es, nicht einfach ausgelöscht zu werden.
Ich wünsche mir keine Gesellschaft, die ständig in Trauer verharrt. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die ihre Menschlichkeit nicht an der Friedhofsmauer abgibt.
Der Tod beendet ein Leben. Das Vergessen droht auch noch seine Spuren auszulöschen. Und dagegen werde ich weiterhin meine Stimme erheben.
Raymund Martini · Freie Medien Germany
