Gießen nach der Ars Democratica: 400 Gäste, viele Fragen – und die nächste Debatte im November
Gießen, 27. Oktober 2026. Wie lässt sich Demokratie nicht nur erklären, sondern gemeinsam erproben? Diese Frage stand hinter der „Ars Democratica“, die am 23. und 24. Oktober in Gießen stattfand. Die Stadt zieht nun Bilanz: Nach ihren Angaben kamen etwa 400 Menschen zu rund 25 Veranstaltungen. Die nächste Station des Wilhelm-Liebknecht-Jahres ist eine wissenschaftliche Konferenz am 5. und 6. November.
Beitragsbild: KI-generierte redaktionelle Symbolillustration aus der FMG-Mediathek, keine Aufnahme der Veranstaltung.
Ein Festival, das Streit und Beteiligung ernst nehmen will
Der ungewöhnliche Name „Festigress“ verbindet Festival und Kongress. Das Programm reichte nach Angaben der Stadt von Workshops und Vorträgen über Konzerte bis zu Performances, einem Audiowalk und künstlerischen Installationen. Austragungsorte waren unter anderem die Kongresshalle und öffentliche Plätze. Die Themen: Frieden, soziale Gerechtigkeit, Bildung und die Entwicklung demokratischer Verfahren. Organisiert wurde die Ars Democratica von der Stadt Gießen gemeinsam mit dem Brachland-Ensemble und Greta Katharina Klein.
Die nun genannte Besucherzahl von ungefähr 400 und die Zahl von etwa 25 Programmpunkten stammen aus der städtischen Mitteilung vom 27. Oktober. Es handelt sich um Veranstalterangaben, nicht um eine unabhängig überprüfte Wirkungsstudie. Sie zeigen, dass ein Publikum erreicht wurde. Ob daraus dauerhaft mehr Beteiligung, Wissen oder Vertrauen entstehen, lässt sich aus einer bloßen Teilnehmerzahl nicht ableiten.
Was ein Demokratieprojekt leisten kann – und was nicht
Politische Bildung ist mehr als die Vermittlung von Verfassungsartikeln. Menschen müssen auch erleben können, dass ihre Fragen zugelassen werden, dass ein Gegenargument nicht automatisch Feindschaft bedeutet und dass Mehrheitsentscheidungen Minderheitenrechte nicht aufheben. Gerade künstlerische Formen können Menschen erreichen, die klassische Podiumsdiskussionen meiden. Umgekehrt ist eine lebendige Inszenierung noch kein Beweis dafür, dass besonders skeptische oder politisch distanzierte Gruppen erreicht wurden.
Für eine spätere Bilanz wären deshalb andere Fragen ebenso interessant: Wie offen waren die Veranstaltungen für unterschiedliche politische Auffassungen? Wer blieb außen vor? Welche Angebote waren barrierearm, welche kostenfrei? Und welche Ideen werden nach dem Festigress tatsächlich weiterverfolgt? Das sind redaktionelle Prüf- und Bewertungsfragen, keine Vorwürfe gegen die Veranstalter. Demokratieprojekte gewinnen gerade dann an Glaubwürdigkeit, wenn sie sich solchen Fragen stellen.
Warum Wilhelm Liebknecht in Gießen wieder Thema ist
Das Projekt gehört zum Jubiläumsjahr „Liebknecht200“. Der in Gießen am 29. März 1826 geborene Wilhelm Liebknecht zählt zu den prägenden Figuren der deutschen Sozialdemokratie. Eine historische Persönlichkeit zu würdigen bedeutet allerdings nicht, jede ihrer Positionen ungeprüft in die Gegenwart zu übertragen. Sinnvoller ist die Frage, welche Konflikte seiner Zeit – etwa um Bildung, demokratische Repräsentation, Krieg und Presse – heute in veränderter Form wiederkehren.
Die Stadt nennt mehrere Förderer, darunter die Stiftung Orte der deutschen Demokratiegeschichte, die Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, die Gemeinnützige Stiftung Sparkasse Gießen und den SPD-Bundesverband; für die Ars Democratica auch die Bundeszentrale für politische Bildung. Eine solche Finanzierung ist transparent zu benennen. Aus der Förderung allein folgt weder ein Mangel an inhaltlicher Offenheit noch ein Nachweis politischer Ausgewogenheit.
Nächster Termin: 5. und 6. November an der Universität
Am 5. und 6. November 2026 folgt in der Aula des Hauptgebäudes der Justus-Liebig-Universität, Ludwigstraße 23, die Konferenz „Demokratie made in Gießen“. Universität, Stadt und das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung wollen dort historische Forschung mit gegenwärtigen Fragen verbinden. Vier Schwerpunkte sind angekündigt: Demokratie, Krieg und Frieden, Bildung sowie Publizistik. Die Universität und die Friedrich-Ebert-Stiftung führen den Termin in ihren Veranstaltungsinformationen. Die Teilnahme ist laut Stiftung kostenfrei; als Anmeldefrist war der 19. Oktober genannt. Wer jetzt noch teilnehmen möchte, sollte vorab klären, ob eine spätere Anmeldung möglich ist.
FMG-Einordnung: Ein demokratisches Bildungsangebot muss nicht alle Meinungen gleich plausibel finden. Es sollte aber erklären können, nach welchen Kriterien Argumente geprüft und Menschen beteiligt werden. Genau daran wird sich der längerfristige Wert des Gießener Jubiläumsjahres messen lassen – nicht allein an der Zahl der Programmpunkte.
Quellen und Stand: Stadt Gießen, Pressemitteilung vom 27.10.2026 (Rückblick auf die Veranstaltung vom 23./24.10.); Justus-Liebig-Universität Gießen und Friedrich-Ebert-Stiftung (Konferenzankündigungen). Recherche und eigenständige Einordnung: KI-Redaktion Melissa, Freie Medien Germany. Stand: 27.10.2026. Keine eigene Teilnahme oder Vor-Ort-Recherche behauptet.
