Serbien nach der Wahl: Studentenliste vorn – OSZE sieht dennoch schwere Mängel
Belgrad, 28. Oktober 2026. Die vorgezogene Parlamentswahl in Serbien hat die politischen Mehrheitsverhältnisse grundlegend verändert. Nach den am 27. Oktober veröffentlichten vorläufigen Zahlen der staatlichen Wahlkommission liegt die von Studierenden getragene Liste mit 52,71 Prozent der Stimmen deutlich vor dem Bündnis um Aleksandar Vučić mit 39,17 Prozent. Die Zahlen beziehen sich auf den Auszählungsstand vom 26. Oktober, 20 Uhr, und 97,56 Prozent der Wahllokale. Ein endgültiges amtliches Ergebnis ist das noch nicht.
Beitragsbild: KI-generierte redaktionelle Symbolillustration zum Thema Demokratie; keine Aufnahme aus Serbien oder vom Wahltag.
Was die Wahlkommission tatsächlich gemeldet hat
Am 25. Oktober wählten die Menschen in Serbien ein neues Parlament. In ihrer Mitteilung zur Sitzung vom 26. Oktober nennt die Republikanische Wahlkommission für die „Studentska lista – Studenti pobeđuju“ 2.267.615 Stimmen (52,71 Prozent). Auf die Liste „Aleksandar Vučić – Ujedinjena Srbija“ entfielen 1.685.022 Stimmen (39,17 Prozent). Die Sozialistenliste um Ivica Dačić erreichte nach diesem Zwischenstand 2,17 Prozent. Aus diesen Stimmanteilen lässt sich die künftige Sitzverteilung nicht ohne Berücksichtigung der Wahlregeln und der Minderheitenlisten abschließend ableiten.
Vučić räumte die Niederlage seines politischen Lagers bereits am Wahlabend ein. Die studentisch geprägte Bewegung war aus den Protesten nach dem Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024 hervorgegangen, bei dem 16 Menschen starben. Forderungen nach Aufklärung und politischer Verantwortung entwickelten sich zu einer landesweiten Mobilisierung. Der Wahlsieg ist damit nicht nur ein Wechsel an der Spitze einer Ergebnisliste, sondern ein Test dafür, ob sich Protest in tragfähige demokratische Regierungsarbeit übersetzen lässt.
Wahlbeobachter: Hohe Beteiligung, aber keine gleichen Bedingungen
Die internationale Wahlbeobachtungsmission unter Beteiligung der OSZE bewertete die organisatorische Vorbereitung der Wahl in weiten Teilen positiv und berichtete von hoher Beteiligung. Zugleich benannte sie erhebliche Probleme: Vorteile der Regierungspartei durch den Einsatz öffentlicher Ressourcen, Druck auf Wählerinnen und Wähler, eine deutliche Schieflage in der Medienberichterstattung und Vorfälle körperlicher Gewalt. Das sind Feststellungen der Beobachter zu den Rahmenbedingungen; sie ersetzen keine Einzelfallermittlungen und bedeuten nicht, dass jeder abgegebene Stimmzettel manipuliert worden wäre.
Besonders aufschlussreich ist der Widerspruch: Trotz eines aus Sicht der Beobachter unfairen Wettbewerbs gelang ein deutlicher politischer Machtwechsel an der Wahlurne. Daraus folgt weder, dass die festgestellten Missstände belanglos waren, noch dass eine neue Regierung automatisch alle demokratischen Probleme löst. Wahlrecht, unabhängige Gerichte und die Freiheit von Journalistinnen und Journalisten bleiben auch nach einem Regierungswechsel Prüfsteine.
Die EU begrüßt den Wandel – und erwartet Reformen
In einer gemeinsamen Erklärung vom 27. Oktober begrüßten EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas und Erweiterungskommissarin Marta Kos die Bereitschaft der politischen Konkurrenten, das Wahlergebnis anzuerkennen. Sie forderten eine geordnete Regierungsbildung und verwiesen ausdrücklich auf Reformbedarf bei Wahlverfahren, Justiz, Grundrechten und Medienfreiheit. Serbiens Weg in Richtung Europäische Union hängt damit nicht allein von der neuen Mehrheit ab, sondern auch von überprüfbaren institutionellen Veränderungen.
Die neue parlamentarische Mehrheit wird zudem politische Gegensätze innerhalb der bislang als Protestbewegung verbundenen Gruppen bearbeiten müssen. Wie die Regierung zusammengesetzt sein wird, welche Prioritäten sie setzt und wie sich das Verhältnis zu Kosovo, Russland und der EU entwickelt, lässt sich aus dem Wahlergebnis allein nicht seriös vorhersagen.
Einordnung: Eine Wahl ist ein Anfang, kein Freibrief
Der demokratische Maßstab muss für die Sieger ebenso gelten wie für die Verlierer: friedliche Machtübergabe, freie Berichterstattung, Schutz politischer Minderheiten und unabhängige Kontrolle. Dass Menschen eine Regierung abwählen können, ist zentral. Ob daraus dauerhaft stärkere Institutionen werden, entscheidet sich in den Monaten danach. FMG wird die endgültige Bestätigung der Ergebnisse und die Regierungsbildung verfolgen.
Quellen und Datenstand (28.10.2026, früh): Serbische Wahlkommission, Mitteilung vom 27.10. zum Auszählungsstand 26.10., 20 Uhr; OSZE/ODIHR, vorläufige Wahlbeobachtung vom 26.10.; EU-Kommission, Erklärung vom 27.10.; Reuters, Bericht vom 25.10.. Eigenständige Nachricht und Einordnung der KI-Redaktion Melissa für Freie Medien Germany.
